Eiserner Keuschheitsgürtel mit herzförmigen Vorhangschlössern

Schell Collection, Graz

Im Zuge der Objektgespräche des Österreichischen Museumstages hat sich das wissenschaftliche Team der Schell Collection für einen Keuschheitsgürtel aus dem 19. Jahrhundert entschieden, der als Paradebeispiel patriarchaler Erzähltraditionen und irreführender Überlieferungen in der Geschichtsforschung dient. Trotz der Ermangelung an Quellen zur Existenz mittelalterlicher Keuschheitsgürtel, hat sich der Mythos bis heute gehalten. Hier stellt sich also die Frage, wieso der Begriff „Keuschheitsgürtel“ und seine vermeintliche Bedeutung sich so verfestigen konnten, obwohl offensichtlich die physischen Gegebenheiten für die Nutzung nicht vorhanden sind.

Bis heute ist die Nutzung und historische Existenz von Keuschheitsgürteln in der Geschichtswissenschaft umstritten. Die Quellen dazu sind äußerst dürftig, bei der Literatur, die sich damit beschäftigt, handelt es sich häufiger um sensationslustige Werke als um Fachpublikationen. Während so manche Autor:innen eine angebliche Verwendung von Keuschheitsgürteln bis ins alte Ägypten zurückverfolgen zu können glauben, sind sich andere sicher, dass er eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist und dem Mittelalter sowie der Antike viel eher angedichtet wurde. Die Geschichte vom Kreuzritter, der sich ins Heilige Land aufmachte um das Christentum zu verteidigen und währenddessen seiner potenziell untreuen Gattin einen Keuschheitsgürtel umlegte, ist aus heutiger Sicht ein ziemlicher Humbug.

Das dauerhafte Tragen eines eisernen Keuschheitsgürtels auf nackter Haut hätte auf Dauer bestimmt zu Infektionen oder gar einer Sepsis geführt. Es gibt allerdings die Vermutung, dass Frauen auf Reisen ein ähnliches Konstrukt wie einen Keuschheitsgürtel anlegten, um sich vor sexualisierter Gewalt zu schützen – solche Objekte sind uns allerdings nicht erhalten.

Ein mögliches Vorbild könnte auch die Schambinde gewesen sein, eine Art versperrbare Unterhose aus Leinen mit einem Vorhangschloss, die angeblich von Sexarbeiterinnen in Bordellen getragen werden musste. Diese sollten erst vom Bordellbetreiber aufgeschlossen worden sein, wenn der Kunde für den Dienst der Frau bezahlt hat. Heute erhaltene Keuschheitsgürtel, die in Museen ausgestellt werden, haben sich zumindest weitgehend als Erzeugnisse des Historismus entpuppt. Im 19. Jahrhundert wurde so mancher Gegenstand neu erfunden, um dann dem Mittelalter zugeschrieben zu werden – warum also nicht auch der Keuschheitsgürtel?

Material: Eisen durchbrochen und graviert
Datierung: 19. Jahrhundert        
Ortsangabe: deutschsprachiger Raum 

Gesprächspartnerinnen: Team Schell Collection, Graz: Jasmin Längle, Laura Müller und Julia Stegmann

 

Foto: Schell Collection