Porträtkopf des Septimius Severus
Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien: Glyptothek
Septimius Severus – ein polyglotter, kosmopolitischer Grenzgänger?
Geboren im afrikanischen Leptis Magna (heute Libyen), geprägt von punischer, lateinischer und griechischer Kultur, in zweiter Ehe mit der aus Syrien stammenden Julia Domna verheiratet, wurde Septimius Severus 193 n. Chr. in Carnuntum von den Donaulegionen zum Kaiser ausgerufen. Er regierte in Rom und expandierte nach Osten. Seine letzte Reise führte ihn nach Britannien, wo er 211 in Eboracum (York) starb.
Der Porträtkopf zeigt die Bildsprache der Severerzeit: dichte, mit dem Bohrer tief ausgehöhlte Locken und ein voller, gegabelter Bart rahmen die Autorität des Herrschers. Die plastisch ausgearbeiteten Pupillen mit eingeritzter Iris verleihen dem Blick Wachheit und Kontrolle. Der separat gearbeitete Kopf war womöglich Teil einer größeren Ehrenstatue – ein politisches Medium, das kaiserliche Präsenz im ganzen Reich „übersetzte“: derselbe Herrscher, wiedererkennbar von Afrika bis an die Donau, von Syrien bis Britannien.
Vielstimmigkeit im Stein:
- Herkunft und Ehe verbanden Sprachen und Regionen: Severus stammte aus einer punisch-libyschen Elite Nordafrikas, seine Frau Julia Domna kam aus Syrien. Am Hof kursierten Latein (Amts- und Heeres¬sprache) und Griechisch (Bildungssprache).
- Auch Bilder sind mehrsprachig: Attribute, Frisur, Bartform und Blick sind für Eingeweihte „lesbar“ wie Worte. Werkstätten von Rom bis zu den Provinzen variierten diese Codes – lokale Akzente in einer imperialen „Standardsprache“ der Skulptur.
- Macht und Deutungshoheit: Unter den Severern wurde Bildpolitik scharf geschaltet. Berühmt ist die Tilgung seines Sohnes Geta auf dem Severer Tondo – ein frühes Beispiel ikonischer Zensur bzw. damnatio memoriae. Unser Kopf erinnert daran, dass Porträts nicht nur abbilden, sondern erzählen, überblenden und auch auslöschen.
Bildmerkmale zum Entdecken:
- gebohrte Locken
- gegabelter Bart
- Augen mit Pupillenbohrung
Museen als Resonanzräume: Wie benennen wir diesen Kopf? Herrschaftlich „Imperator Caesar Lucius Septimius Severus Pertinax Augustus“ – oder kurz „Septimius Severus“? Welche Geschichte rückt in den Vordergrund: der afrikanische Ursprung, der Aufstieg des Grenzfeldherrn, der römische Kaiser, sein Erbe? Der Fokus der Sprache – punisch, lateinisch, griechisch – prägt, was wir hören. Dieses Porträt lädt ein, Sprach und Machtgeschichten sichtbar zu machen, statt sie zu glätten.
Material: Marmor
Maße: 77 x 62 x 37 cm
Datierung: ca. 200–210 n. Chr.
Ihr Gesprächspartner: Christian Michlits, Glyptohek der Akademie der bildenden Künste, Wien
Foto: Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien, Foto: Klaus Pichler