Brotlaibidol

Landesmuseum Burgenland, Eisenstadt

Was braucht Kommunikation, wenn Menschen nicht dieselbe Sprache sprechen?

Ausgangspunkt des Objektgesprächs ist ein kleiner, unscheinbarer Keramikgegenstand: das sogenannte Brotlaibidol vom Föllik bei Großhöflein (Bgld.), das 1933 bei Ausgrabungen gefunden wurde. Seine Oberfläche trägt geometrische Eindrücke und Muster. Doch was diese Zeichen bedeuten und wozu das Objekt ursprünglich diente, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. In der Forschung wurden unter anderem Zahlen, Waren- oder Besitzkennzeichnungen, ein Zeichensystem, ein Stempel oder eine frühe Form von Schrift diskutiert. Auch die Bezeichnung „Idol“ ist bereits eine Interpretation und keine gesicherte Aussage über seine ursprüngliche Funktion.

Genau diese Unsicherheit bildet den Ausgangspunkt des Gesprächs. Das Objekt wird zunächst ohne historische Einordnung gezeigt. Die Teilnehmer:innen sind eingeladen zu beschreiben, was sie tatsächlich sehen: Muster, Linien, Wiederholungen, Eindrücke – und ab wann aus einer bloßen Beobachtung bereits eine Interpretation wird. Die Frage „Woran erkennen wir, dass etwas ein Zeichen ist?“ führt anschließend zu „Kann ein Zeichen etwas mitteilen, ohne Sprache zu sein?“

In einem kurzen gemeinsamen Kommunikations-Experiment wird erprobt, unter welchen Bedingungen Zeichen verstanden werden können: Brauchen wir eine gemeinsame Sprache – oder reichen Konvention, Kontext und Vorwissen? Von hier aus öffnet sich der Blick auf Mehrsprachigkeit und Grenzen. Wenn ein Zeichen von einer Person zur nächsten, von einer Region in eine andere oder zwischen unterschiedlichen kulturellen Gemeinschaften gelangt: Was bleibt verständlich, was verändert seine Bedeutung und wo entstehen neue Grenzen?

Das Brotlaibidol eignet sich dabei besonders, weil vergleichbare Objekte in einem größeren europäischen Raum vorkommen und damit Fragen nach Austausch, Mobilität und überregionalen Beziehungen aufwerfen. Der Föllik war in der Bronzezeit ein bedeutender Siedlungsplatz; für die Region werden auch weitreichende Kontakte und Handelsbeziehungen diskutiert.
Im letzten Schritt richtet sich die Frage zurück auf das Museum: „Was erzählt uns das Objekt selbst – und was erzählen wir über das Objekt?“ Die wechselnden wissenschaftlichen Zuschreibungen des Großhöfleiner Stücks machen sichtbar, dass auch museale Benennungen, Kategorisierungen und Erklärungen Formen von Übersetzung sind.

Das Gespräch endet daher mit einer offenen Frage: „Wer spricht hier eigentlich – das Objekt oder wir?“
Das Brotlaibidol wird so nicht als vermeintlich entschlüsseltes Zeugnis der Vergangenheit präsentiert, sondern als Resonanzraum für Fragen nach Zeichen, Sprache, Mehrsprachigkeit, Grenzen, wissenschaftlicher Unsicherheit und musealer Deutungshoheit.

Material: Keramik
Datierung
: Ausgehende Frühbronzezeit/beginnende Mittelbronzezeit, 2000–1500 v. Chr. (Bz A2–B1) 
Maße: 2,3 cm x 3,1 cm x 6,2 cm
Ortsangabe: Föllik bei Großhöflein, Burgenland

Gesprächspartner:innen: Judith Schwarzäugl & Wilfried Tögel, Landesmuseum Burgenland, Eisenstadt