Audiokassetten des zweisprachigen Pirat:innenradios „Radio Drugačni/Radio UFO“, 1989–1991
Haus der Geschichte Österreich, Wien
Auf diesen Audiokassetten wurden die mehrstündigen Sendungen des ersten zweisprachigen Pirat:innenradios Radio Drugačni/Radio UFO aufgezeichnet, welche im Vorfeld der Kärnter Landtagswahl im März 1989 im Grenzraum von Kärnten zu Slowenien und Italien ausgestrahlt wurde.
Die Aktivist:innen bauten einen Sender in Tarvisio/Tarvis auf italienischem Staatsgebiet auf, weil privater Rundfunk dort legal war. Ziel der Initiative war die Entwicklung eines mehrsprachigen Programms, gemeinsam gestaltet von deutsch- und slowenischsprachigen Kärntner:innen. Das Programm wurde als Protest gegen die erwartete Wahl des Rechtspopulisten Jörg Haider zum Landeshauptmann von Kärnten geplant.
Grundsätzlich veränderte Radio die Art und Weise, wie Politik gedacht und gemacht wird. Es bringt dieselbe Nachricht und Stimmung zur selben Zeit in viele private Räume und eröffnet zugleich Möglichkeiten für Gegenerzählungen, Protest und Selbstermächtigung – auch über Grenzen hinweg. Das zeigt exemplarisch das Beispiel Kärnten, wo im Vorfeld der Landtagswahl 1989 erstmals zweisprachiges Pirat:innenradio zu hören war. Diese Initiative stand in der Tradition jener Pirat:innenradios, die Ende der 1970er Jahre in Österreich erstmals auf Sendung gingen. In dieser Phase hatte sich die Gesellschaft grundlegend verändert: Immer mehr Menschen engagierten sich oder forderten Mitspracherecht in unterschiedlichsten Bereichen. Die Arbeit der Kärntner Pirat:innenradio Initiative endete aber nicht mit der Kärtner Landtagswahl, vielmehr wurde die Sendetätigkeit bereits im April 1989 fortgesetzt und einmal wöchentlich ein Sonntagsradio als oppositionelles Sprachrohr ausgestrahlt. Gleichzeitig gründeten die Aktivist:innen den Verein Agora (Arbeitsgemeinschaft offenes Radio / Avtonomno gibanje odprtega radia), mit dem Ziel, das Recht auf die Gründung freier Radios auf höchster Ebene durchzusetzen – vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dieses Ziel wurde 1993 erreicht, in Zusammenarbeit mit weiteren Radioinitiativen, besonders mit Gleichgesinnten aus Oberösterreich und zeugt damit von einem Meilenstein österreichischer Rundfunkgeschichte.
Die über 50 Sendungen von Radio Drugačni/Radio UFO wurden auf Audiokassetten aufgezeichnet und aufbewahrt. Sie waren bereits in der Wechselausstellung Es funkt! Österreich zwischen Propaganda und Protest im Haus der Geschichte Österreich zu sehen. Die Auseinandersetzung mit diesem Bestand eröffnet neue Perspektiven auf die Bedeutung von Radio als Medium der Selbstrepräsentation marginalisierter Gruppen in Grenzregionen.
Material: Holz, Glas, Metall, Kunststoff, Papier, Magnetbänder (Kassetten), diverse Alltagsmaterialien (Inhalt der Objektschublade)
Maße: 10,16 cm x 6,35 cm x 1,27 cm (B x H x T)
Datierung: Vitrine (Integration in Dauerausstellung): 2022; Objektbestände im Nachlass: ca. 1970er-Jahre bis 2016
Ortsangabe: Vorarlberg
Gesprächspartner: Johannes Pötzlberger, Haus der Geschichte Österreich, Wien
Foto: hdgoe