Abadie Zigarettenpapierschachtel
Bezirksmuseum Alsergrund, Wien
Bei der länglichen Schachtel mit Deckel handelt es sich um eine Verpackung für Zigarettenpapier der Marke Abadie. Die Firma Abadie wurde 1866 von Joseph-Bertrand Abadie in der Ortschaft Theil-sur-Huisne (Dept. Orne) in der Normandie gegründet und entwickelte sich bald zu einem weltweit exportierenden Spezialanbieter u. a. für Zigarettenpapiere ohne Klebstoff. Unter den Nachkommen des Firmengründers expandierte das Unternehmen mit Produktionsstätten und selbständigen Standorten in mehreren europäischen Ländern, darunter auch 1910 in Wien.
Die Fabrik zur Herstellung von Zigarettenpapieren und -hülsen mit mehreren 100 Arbeiter:innen befand sich in der Davidgasse 92 (10. Bezirk), der Vertrieb erfolgte über das „Generaldépôt der Abadie-Zigaretten-Papiere und -Hülsen“ von Albert Paul in der Türkenstraße 33 (9. Bezirk), der dort eine Großhandlung für Rauch-Zubehör betrieb. Die Papierfabrik in der Davidgasse bestand unter wechselnden Namen und Besitzern (zuletzt: Altesse Hans Behr & Co.) bis 1972, als das Unternehmen an die Austria Tabakwerke verkauft wurde, die den Produktionsstandort jedoch schlossen.
Wohl aufgrund des Sitzes des Abadie-Generaldepots im 9. Bezirk wurde das Objekt in die Sammlung des Bezirksmuseums Alsergrund aufgenommen.
Seit 2016 befindet es sich in der Dauerausstellung im Bereich „Wirtschaft/Firmen am Alsergrund“ im Kontext des Themas Tabakverarbeitung/-vertrieb. Das Thema Tabak ist für den 9. Bezirk zudem bedeutsam, da sich die Zentrale der Österreichischen Tabakregie (später: Austria Tabakwerke) in der dortigen Porzellangasse befand.
Zur genauen Provenienz der Schachtel konnten bislang keine Angaben gefunden werden.
Sie dürfte angesichts der Schrifttypen, Typografie und Grafikelementen wohl aus den 1920er Jahren stammen. Hinsichtlich des Tagungsthemas „Vielstimmigkeit“ bietet das Objekt vielfältige Bezüge und Sprechanlässe:
- 1. Beschriftung – Verbindung von zwei Sprachen: Sie verbindet den französischen Firmen-/Markennamen „Abadie“ bzw. „Riz Abadie“ – „Riz“ bedeutet Französisch „Reis“ (was sich hier mit dem in der Zigarettenpapier-Herstellung verwendeten Reis bzw. einer reispapierähnlichen Struktur assoziieren lässt) – mit diversen Beschriftungen auf Deutsch, die Inhalt und Qualität des in der Schachtel enthaltenen Produkts näher bezeichnen und die speziell auf den Vertrieb auf dem deutschsprachigen Markt hinweisen.
- 2. Aufschrift – Nutzungsspuren: Eine weitere Ebene entsteht durch den handschriftlichen Vermerk in Großbuchstaben „RUDI SCHICHT“. Die Schrift ist unregelmäßig und wirkt ungeübt bzw. ungelenk wie jene eines Kindes. Gemeinsam mit anderen Spuren der Nachnutzung (z. B. Klebefilmreste Unterseite) lässt sich über die Bedeutung des Objekts mit Blick auf seine unterschiedlichen Besitzer:innen, ihre möglichen Nutzung(en) der Schachtel – z. B. als Aufbewahrungsbehältnis –, Beschädigungen und improvisierte Reparaturen sprechen, die auf eine lange praktische Verwendung des Objekts jenseits des ursprünglichen Zwecks als Verpackung für Zigarettenpapier verweisen.
- 3. Kontexte - Kontextualisierungen: Die Schachtel lässt sich auf ganz verschiedene Weise kontextualisieren und diskutieren. Mögliche Bezüge bestehen etwa zu folgenden Feldern: Wirtschaft (Engagement von internationalen Firmen in Österreich/Wien, Staatliches Monopol: Tabakregie/Standorte, Wirtschaftskrisen, Übernahmen, Standortschließungen – mit jeweiligen sozialen Auswirkungen); Arbeit/Arbeiterschaft (Arbeitsalltag, Herkunft Arbeiter:innen, im Betrieb gesprochene Sprachen, Geschlechterverteilung, Machtstrukturen, Organisation); Politik (Internationale Verflechtungen, Auswirkungen von zwei Weltkriegen auf die Firma, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit); Marketing/Design (Markenbildung, Typografie, Künstler-Plakate, Gestaltung); Tabak/Tabakkonsum in Österreich (Tabak/-vertrieb, Werbung) (inkl. Werbeplakate), Rauchen und Geschlecht, Rauchen und Gesundheit inkl. Kampagnen, Tabakkonsumgesetzgebungen
- 4. Musealisierung: Bedeutung für/in Sammlung Bezirksmuseum, Umgang mit ungeklärten Provenienzen, Potenziale für zukünftige Präsentationen/Dauerausstellung/Web
- 5. Persönliche Bezüge: eigener (auch: Familienmitglieder, Freundeskreis) Tabakkonsum/Erfahrungen mit Zigarettenpapieren, eigene Fragen/Interessen, Erinnerungen an Abadie-Zigarettenpapiere (oder andere Zigarettenpapiere, inkl. Markenentscheidung), eigene Reflexion + aktueller Raucher:innen-Diskurs Österreich/international
Material: Karton, bedruckt
Maße: ca. L: 15 cm, H: 7 cm, T: 3 cm
Datierung: 1920-1930? (um 1925?)
Ortsangabe: Wien
Gesprächspartnerin: Anja Grebe, Bezirksmuseum Alsergrund, Wien
Foto: Bezirksmuseum Alsergrund