Wander Bertoni „Sonnenanbeter“ (1957–1964)

Freilichtmuseum Wander Bertoni

Der Sonnenanbeter zählt zu den zentralen Werkgruppen im Schaffen des Bildhauers Wander Bertoni (1925–2019). Zwischen den ersten Entwürfen ab 1957 und der monumentalen Stahlplastik von 1964 entstanden eine Vielzahl von Gipsmodellen sowie Ausführungen in Gussbeton, Bronze und Stahl. Die etwa 60 cm hohe Stahlplastik dokumentiert die formale Entwicklung des Motivs und eignet sich als Anschauungsobjekt im musealen Kontext. Den Höhepunkt der Werkreihe bildet das rund 20 Meter hohe Stahlunikat am Kirchberg in Winden am See. Die Skulptur wurde für die Weltausstellung 1964 in New York geschaffen und war Teil des österreichischen Expo-Auftritts, der Bertonis Stahlplastik, mit dem von Gustav Peichl entworfenen Holzpavillon zu einem Gesamtensemble verband. Seit November 2001 steht der Sonnenanbeter unter Denkmalschutz und prägt heute als Wahrzeichen die UNESCO-Welterberegion Fertő–Neusiedler See.

Der Sonnenanbeter verbindet biografische, politische, kulturelle und geografische Grenzerfahrungen. Bertonis Erinnerung an die Zeit als italienischer Zwangsarbeiter in Wien während des Zweiten Weltkriegs – geprägt von langen Arbeitszeiten und dem Entzug von Licht – bildet den existenziellen Ausgangspunkt der Werkidee. 

 „Der Winter 1943/44 war besonders kalt, die Stadt Wien trostlos grau. Damals arbeitete ich als Zwangsarbeiter noch 10 Stunden am Tag. Später, als Goebbels zum totalen Krieg mit Einverständnis der Massen aufrief, erhöhte sich die Arbeitszeit auf 12 Stunden. Die Fahrt vom Lager zum Arbeitsplatz dauerte 1 Stunde. Ich sah buchstäblich kaum die Sonne. Als der Frühling kam, sah ich endlich die Sonne und die blühenden Kastanien. Seit damals habe ich zu der Sonne eine fast religiöse Beziehung.“ (Wander Bertoni in: Aufträge, 1995, S. 108) 

Bertonis spätere Aussage, eine „fast religiöse Beziehung“ zur Sonne entwickelt zu haben, verweist auf die zentrale symbolische Bedeutung des Motivs. Zugleich spiegelt die Werkgruppe Übergänge zwischen Italien, Wien, dem Burgenland und New York sowie sprachliche, kulturelle und gesellschaftliche Grenzerfahrungen wider.

Darüber hinaus thematisiert die Werkgruppe die gestalterischen Möglichkeiten des Materials Stahl und dessen Wechselwirkung mit Licht. Die Oberflächen reagieren auf wechselnde Lichtverhältnisse und erzeugen Reflexionen, die weithin sichtbar sind – bis zum Bertoni’schen Freilichtmuseum am Ortsrand von Winden am See. Damit verbindet der Sonnenanbeter skulpturale Form, Materialität und Naturphänomene zu einem vielschichtigen Werk, das kunsthistorische, biografische und ortsspezifische Aspekte gleichermaßen vereint. 

Material: rostfreier Stahl
Maße: Höhe 18 Meter
Datierung: 1957–1964        
Ortsangabe: Am Kirchberg, 7092 Winden am See/Burgenland  

Gesprächspartnerin: Astrid Lefenda, Freilichtmuseum Wander Bertoni, Winden am See

Foto: FLM