10 Uhr – ICOM-Key-Note: Andreas Krištof – Wie Museen erzählen (können)!

Vielstimmigkeit ist zum Leitbegriff des Museums des 21. Jahrhunderts geworden. Kaum eine Institution kommt heute ohne den Anspruch aus, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Doch genügt es, möglichst viele Stimmen zu versammeln? Oder stellt sich vielmehr die grundsätzliche Frage, wer erzählt, wer gehört wird und wer über das Erzählen entscheidet?

Die Keynote versteht Vielstimmigkeit nicht als Ziel, sondern als Ausgangspunkt einer weiterführenden Debatte. Denn die Herausforderung besteht nicht allein darin, neue Perspektiven in bestehende Narrative aufzunehmen. Sie besteht vielmehr darin, die Rolle des Museums selbst neu zu denken. Was geschieht, wenn das Museum seine Autorität nicht aufgibt, sondern mit jenen teilt, deren Geschichte erzählt wird? Wie verändert sich eine Institution, wenn sie nicht mehr ausschließlich über Menschen spricht, sondern ihnen ermöglicht, selbst zu sprechen?

Ausgehend von der Ausstellung Hinschaun! Poglejmo. Kärnten und der Nationalsozialismus/Koroška in nacionalsocializem im kärnten.museum und dem Muzej/Museum Peršman werden zwei unterschiedliche museologische Zugänge vorgestellt, die das Museum als Resonanzraum begreifen. Beide Projekte zeigen, dass Vielstimmigkeit mehr ist als die Addition unterschiedlicher Perspektiven. Sie entsteht dort, wo wissenschaftliche Forschung, persönliche Erinnerung, künstlerische Positionen und zivilgesellschaftliches Engagement miteinander in Beziehung treten – und wo Menschen nicht nur repräsentiert werden, sondern ihre Geschichte selbst erzählen.

Die Keynote plädiert daher für ein Museum, das seine gesellschaftliche Verantwortung nicht in vermeintlicher Neutralität sucht, sondern in der transparenten Aushandlung von Erinnerung. Ein Museum, das historische Fakten klar benennt und zugleich Räume öffnet, in denen unterschiedliche Erfahrungen Resonanz erzeugen können. Denn vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe des Museums heute nicht darin, vielstimmig zu sprechen, sondern anderen das Erzählen zu ermöglichen.

 

Moderation: Johanna Schwanberg, Präsidentin, ICOM Österreich, Direktorin, Dom Museum Wien