Turning Points: Persönliche Wendepunkte, gesellschaftliche Umbrüche: Museen als Räume demokratischer Aushandlung im grenzüberschreitenden Raum Wien–Bratislava
Freitag, 16. Oktober, 11:00 Uhr – Im Dialog: Zwei Projekte, ein Thema: Sprache, Macht und Identität
Das Museum der Stadt Bratislava und das Volkskundemuseum Wien starteten im Dezember 2025 das gemeinsame Projekt Turning Points – Museums for a Democratic Future. Das bis Juli 2028 laufende und im Rahmen von Interreg Slowakei–Österreich durch die Europäische Union geförderte Projekt untersucht gesellschaftliche Umbrüche der vergangenen vier Jahrzehnte im grenzüberschreitenden Raum Wien–Bratislava.
Im Zentrum steht die Frage, wie gesellschaftliche und historische Veränderungen in individuelle Biografien eingeschrieben sind – und wie persönliche Wendepunkte umgekehrt unsere Wahrnehmung größerer gesellschaftlicher Prozesse verändern können. Familiengeschichten, Migrationserfahrungen, Nachbarschaften im Grenzraum und generationenspezifische Erzählungen machen sichtbar, wie demokratische Hoffnungen, Enttäuschungen, Brüche und Neuanfänge erlebt und erinnert werden. Zugleich untersucht das Projekt, mit welchen musealen Objekten solche Erfahrungen verbunden, gesammelt oder auch nur assoziativ repräsentiert werden können.
Die konkreten Wendepunkte werden nicht vom Projektteam vorgegeben, das Projekt setzt lediglich einen zeitlichen und geografischen Rahmen. Bedeutungen, Erfahrungen und relevante Zäsuren werden in partizipativen Prozessen gemeinsam mit unterschiedlichen Gruppen erarbeitet. Gerade in der Beziehung zwischen individuellen Lebenswegen und gesellschaftlichen Veränderungen entsteht ein Raum der Auseinandersetzung: Welche Ereignisse werden als Wendepunkte erinnert? Welche bleiben unsichtbar? Wessen Erfahrungen finden Eingang in Sammlungen und Ausstellungen – und welche Perspektiven fehlen?
Damit verbindet Turning Points historische Forschung, Sammlungsarbeit, Oral History und partizipative Formate mit einer grundsätzlichen Frage nach der Rolle von Museen in politisch angespannten Zeiten. Wie können Museen gesellschaftliche Umbrüche sichtbar machen, ohne sie auf einzelne dramatische Ereignisse oder vereinfachende Erzählungen zu reduzieren? Wie können sie langfristige, widersprüchliche und bis heute nachwirkende Prozesse erfahrbar machen? Und welche Räume können sie eröffnen, wenn demokratische Selbstverständlichkeiten brüchig werden und unterschiedliche Erinnerungen, Deutungen und Zukunftsvorstellungen aufeinandertreffen?
Diese Fragen werden auch an zwei sehr unterschiedlichen Orten konkret verhandelt. In Wien wird der Luftschutzbunker im Schönbornpark zu einem vielfältig nutzbaren öffentlichen Raum weiterentwickelt; in Bratislava entsteht in einem adaptierten Bürgerhaus in der Beblavého ulica eine neue zeitgeschichtliche Ausstellung. Beide Orte werden bereits vor ihrer künftigen Nutzung in partizipative Prozesse einbezogen: In Wien wurde der Bunker vor seinem Umbau für Besucher:innen geöffnet, die sich mit seiner Geschichte auseinandersetzen und Ideen für seine zukünftige Nutzung einbringen konnten. In Bratislava wurden Fokusgruppen mit jungen Menschen durchgeführt, da sich der künftige Raum in besonderem Maße an sie richten und ihre Perspektiven in seine inhaltliche und funktionale Gestaltung einbeziehen soll.
Turning Points versteht Museen damit nicht nur als Orte der Bewahrung und Darstellung vergangener Umbrüche, sondern als Räume, in denen unterschiedliche Erfahrungen und Deutungen miteinander in Beziehung treten. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Wien und Bratislava eröffnet die Möglichkeit, Prozesse von Demokratisierung und Entdemokratisierung, gesellschaftlicher Öffnung und autoritären Entwicklungen vergleichend zu diskutieren und neue Formen kultureller Teilhabe und demokratischer Auseinandersetzung zu erproben.
Foto: Monika Csonková